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Die Frage lädt zum Raunen ein, da sie weder historisch noch analytisch formuliert ist - oder zu ihrer Dekonstruktion. Prophezeiungen sind zutiefst dem mythisch-religiösen Register verpflichtet, das Mächte involviert, die außerhalb der Hierarchien gesellschaftlicher Machtbeziehungen und solcher des Begehrens angesiedelt zu sein scheinen. Visionen para-religiöser Art involvieren den Künstler als Seher und passen damit zur bedenklichen neuerlichen Hochschätzung klassischer Modelle von Subjektivität und Autorschaft. Klammheimlich, wiewohl nicht unnachweisbar, koalieren sie mit heroischer Männlichkeit und sind die Voraussetzung für all jene künstlerischen Konzepte, die auf Identitäten setzen.
Problematisch an besagter Frage ist auch die implizite Totalität
von Kunst - Kunst "als solche" -, die doch, poststrukturalistisch
gesehen, schon einmal in unterschiedlichen Kontextabhängigkeiten,
in Fragmenten und Perspektiven, erschienen ist und so erst einer Subjekt-,
Geschlechter-, Ideologie- oder materialistischen Kritik zugänglich
wurde. Mein Plädoyer für "kleinere Kunstbrötchen"
und gegen den nach wie vor aus unterschiedlichen ideellen, theoretischen
und kommerziellen Interessen heraus für erhaben gehandelten Status
der Kunst richtet sich in Zeiten einer (kultur)politisch reichlich
unklaren Haltung gegenüber der Globalität auch gegen jede
Koketterie des Globalen mit dem Sahnehäubchen "Kunst":
je heerer der Kunstbegriff, desto effektiver die kulturelle Garnierung.
Denn erhaben muß eine Kunst zwangsläufig sein, wenn es
um ihr utopisches Potential gehen soll: Visionen kommen tendenziell
von schräg oben, so auch schon in der dialektischen Figur des
Benjaminschen "Engels der Geschichte", in dem sich Perfekt
und future antérieur verschränken; wären die Visionen
eingegraben und nicht erhaben, müßten wir andererseits
die nicht minder problematischen Register der Archäologie oder
der Hermeneutik bemühen, um Form und Bedeutung erst einmal sichtbar
zu machen - subversiv müssen solche Bilder des Zukünftigen
deswegen noch lange nicht sein.
Die kritische Fragmentierung dessen zu fordern, was "Kunst" heißt, soll jedoch nicht verwechselt werden mit der hektischen Verschlagwortung von Kunsthypes und ihrer rasanten Abfolge. Die hier im Hintergrund stehenden Marktmechanismen - und keineswegs ausschließlich solche des Kunstobjekt-Marktes, sondern ebenso die des Kunstkritik- und Kunsttheorie-Marktes - sind bestens kompatibel mit dem Innovationsdruck. Selbst die Frage nach dem utopischen Potential zukünftiger Kunst ist dieser permanenten Neuerungssucht geschuldet.
Hanne Loreck
Berlin
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