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Ulrike Bergermann
Was könnte, angesichts von Ihrem Bild der Kunst heute, eine Ihnen noch unbekannte Kunst sein?



Unbekanntes sehen, jetzt ein Bild vom noch nicht Bestehenden skizzieren, das ruft sowohl eine alte Hoffnung auf - Kunst als das Visionäre, als Reservat des Unverbrauchten, Revolutionären, nicht Stromlinienförmigen - als auch ein erkenntnistheoretisches Problem: Wie verhält es sich mit dem Sehen und dem Wissen?

Ich sehe: Nachdem der Künstler seinen auktorialen Platz mittlerweile mit dem Kurator teilen muss, wird in der "Anthology of Art" das kanonische Prinzip einer Anthologie durch Schneeballeffekte erodiert - oder nur ersetzt. Wenn die "Anthology of Art" ein pluralistisches Werk sein kann, das "adäquater eine globale Gesellschaft wiedergibt" und einen Dialog schafft, "der Werkcharakter hat", wie die Initiatoren schreiben, so bleibt sie trotzdem einem reformierten Repräsentationsschema verhaftet, das adäquat und politisch korrekt die ganze Welt spiegeln will. Diese Offenheit, die sich zu einer neuartigen Ganzheit schliessen soll, ist allerdings verbunden mit einer Einschränkung für die BeiträgerInnen: "Please keep in mind that the ANTHOLOGY OF ART is collecting franc, singular and radical positions", so ein Teil der Anfrage in Fettdruck. Zur ganzen Welt gehören jedoch jede Menge "opaque, mass culture non-positions". Wie kann grösstmögliche Pluralität mit einem derartigen Avantgarde-Konzept verbunden werden? Ist das die Moderne im Gewand der Postmoderne? Die Anthologie wird immer noch mit einem wenn nicht Autoren-, so doch Initiatoren-Namen versehen (Jochen Gerz' "Anthology of Art"), und dass es sich um die Bezeichnung eines weissen Mannes handelt, mag ein statistisch nicht untypischer Zufall sein.

Es kann m. E. nicht um Visionen gehen, nicht um zu eroberndes Neuland, nicht um die ganze Welt in einer Anthologie oder eine Neuauflage des Avantgarde-Schemas. Das Radikalste wird sein, von der Idee des Radikalen, die die Idee des Fortschritts impliziert, Abschied zu nehmen: Das eigene Wissen nicht mehr als ein stets potentiell Entdeckerisches zu verstehen, das die weissen Stellen, das noch Unbekannte, beschriften wird. Das Visionäre ("the vision of a yet unknown art") nicht als mythisches Vorausschauen zu begreifen, das traditionell verknüpft ist mit dem Fernsinn des Sehens. Dieses Radikale wird nur dann sein, wenn es ebensowenig ein "Zurück zu den Wurzeln" geben kann, seien es solche der handwerklichen Güte, der ausschliesslich lokalen, geschlechtlichen oder ethnischen Identität oder der Feier körperlicher Sinnlichkeit usw. - Das Verhältnis von Sehen und Wissen ist nicht mehr in einem derart linearen Verhältnis zu konzipieren. Wer sich "ein Bild der Kunst heute" macht, hat eine Repräsentation für sein Wissen gefunden, an der er dann wiederum ablesen können soll, was sich erst in der Zukunft zu einem Bild geformt haben wird. Unbekanntes kann nicht einfach von "neuen" Autoren/Künstlern erwartet werden (Diskriminierung weiblicher und nicht-weisser KünstlerInnen muss bekämpft werden, aber das ist demokratischer Mindeststandard und kein Joker fürs Neue). Bleibt die Frage, ob es denn nichts Neues mehr geben kann. Was aber neu ist, kann nur als Diskurs-Effekt als neu wahrgenommen werden. Daher wünsche ich eine Arbeit am Diskurs. Dass es mir dabei am vielversprechendsten erscheint, anzufangen mit einer Auseinandersetzung um Sichtbarkeit und Virtualität und Geschlecht im Bereich der digitalen Medien, ist eine persönliche Vorliebe, die einen trotzdem nicht singulären Ausgangspunkt bietet.

Ich prophezeie Ihnen eines: Die heute noch unbekannte Kunst ist genau die, die morgen produziert wird.

Ulrike Bergermann
Hamburg