Daniel Kurjakovic
SOTTOVOCE



Eine unbekannte Kunst? Um mich herum sehe ich nichts anderes als das Unbekannte.

Robert Smithson sprach immer wieder von "the remote past and the remote future", von Kategorien, die Grenzen fürs Vorstellungsvermögen bedeuten. Er hat an sie herangeführt, vor allem mit den "Sites" und "Non-Sites": Orte einer unabschliessbaren Dialektik. Smithsons Werk glitt in den Untergrund, nicht nur im buchstäblichen Sinn, sondern: auf die Unterseite unseres Denkens. Sagen wir, maximale Ausdehnung von vorgestelltem Raum auf kleinstem Realraum.

Gordon Matta-Clark stieg in das weitverzweigte Kanalisationsnetz einer Metropole, ein mit Märchentropen gespickter Erkundungsgang, der die Endlosigkeit einer parallelen Welt antönt, hart gefaßt von geographischem Referenzraum (New York State). Sol LeWitt versenkte einen Kubus; weiß man, wo er sich heute befindet?, was die spiegelnde Fläche an der Unterseite des Aluminiumblocks in Bruce Naumans "John Coltrane Piece" wiedergibt? Einen schwarzen lichtlosen Raum, gewissermaßen kondensierte Raumlosigkeit? (Coltranes Tod? Sein mit dem Rücken zum Publikum abgekehrtes Spiel?) Erneuter Zusammenbruch der Vorstellungskraft, die doch Raum und Zeit als Bedingungen jeglicher Wahrnehmung setzt. Nochmals Nauman: "Audio-Video Underground Chamber", ein versenkter Betonkasten, in den eine Kamera, ein Mikrofon eingelassen sind - um was aufzunehmen? Wie weit kann ich mich mit meiner physischen Wahrnehmung "nach vorn" ins Wirkliche lehnen, ohne daß mir der psychische Apparat zuhilfe eilt? Und was, wenn die Psyche kein Wahrnehmungsmaterial zu fassen kriegt und abrutscht an der glatten Außenwand von Absenz, an einer vakuumierten Wirklichkeit?

Naumans Einwurf: "Mental Pressure". Mit einem Lächeln spreche ich folgenden Satz halblaut aus (als würde ich ihm nicht wirklich trauen): Der Blick muß geschärft werden fürs Unbekannte, für das, was im Bekannt-Scheinenden an Unbekanntem vorhanden ist. Keine neue Avantgarde, kein Gerede von einer kommenden Zukunft. Unter der Musik der Zeit dringt Unerhörtes an unsere Ohren - Aberwitz nämlich.

Martin Kippenbergers weltumspannendes Subway-Projekt, unvollendet und unvollendbar. Piero Manzonis "Sockel der Welt". On Kawaras undenkbares episches Werk "One Million Years (Past and Future)". Und der Erkenntnisskandal, der von William Kentridges "Medicine Chest" ausgeht: Einer betrachtet sich im Spiegel, und er kommt sich in den Verlaufslinien von Zeitgeschichte und persönlichem Erleben und Erleiden traumatisch abhanden, vielleicht.

Erneut also der Zusammenbruch der Vorstellungskraft, des bestgehüteten Geheimnisses des Abendlandes. Das Unermeßliche, das Unerschöpfliche, das Unabschließbare... . Was für eine Denkfigur? Wenn es mir nicht mehr gelingt, etwas Unermeßliches - sei es gebaut, imaginär, buchstäblich oder metaphorisch - mit der Vorstellungskraft zu erfassen, vors geistige Auge zu bringen... . Ich brauche dazu eine andere Fakultät... welche? Erst recht: Was nützt mir in einem un-sinnlichen Milieu noch die Phänomenologie? Sprach nicht Benjamin von einer unsinnlichen Ähnlichkeit? Doch die Welt drängt: Keine Zeit für inerte Selbstreflexion (eine andere Form zivilen Gehorsams). Künstler reagieren mit feinen Antennen und materialisieren Situationen, die den Aberwitz modellhaft inszenieren. Mit den Instrumenten einer feineren Satire ziehen sie über die Illusion einer verwaltbaren Welt her. Simon Starlings parodistische Recherchen, Douglas Hueblers wahnwitzige "Location Pieces", Vittorio Santoros "Billboards" und "Plates", die wie Zeit- und Raumschlitze die Substanz einer dräuenden Wirklichkeit hereinbrechen lassen, Jason Dodges als Objekte verkleidete Fragen ("Why are you afraid of distances?"), Miri Segals zirkuläre Video-Dispositive, die das kategoriale Denken aushebeln.

" ...a yet unknown art"? Fern ist der Nihilismus des "assez vu ... assez eu ... assez connu..." (Rimbaud). Stattdessen sehe ich die Kunst mit diversen Fällen einer besonderen Mimikry beschäftigt, mit einer scheinbaren Angleichung an die Unterseite unserer Zeit, wo das Magma des Wahnwitzes seine Blasen wirft; maßlose Zone, die als trompe l'oeil jedes beliebige Bild von gesellschaftlicher Wirklichkeit zu erzeugen imstande ist. Im beißenden, im befreiten Lachen, das diese Satiren provozieren, gehen einem vielleicht die Augen und Ohren auf: "O Rumeurs et Visions!" (sottovoce)

Daniel Kurjakovic
Zurich