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Michael Lüthy



Es gehört zur Signatur der Moderne, den Grenzverlauf zwischen Kunst und Nicht-Kunst zu inszenieren, zu problematisieren und neu zu positionieren. Seit einiger Zeit ist aber zu beobachten, dass das Interesse an der Grenze selbst bzw. an der "Grenzperformanz" der Kunst abzunehmen scheint. Ein Anzeichen hierfür ist die schwindende Verteidigung des Konzepts der Autonomie der Kunst im Bereich der Praxis, d.h. seitens der Künstler und Kuratoren. Der Wunsch nach neuerlicher Relevanz einer Praxis, die in ihrer bisherigen Erscheinungsform der leeren Spielerei in einem zwar autonomen, aber wirkungslosen, separaten Betriebssystem "Kunst" bezichtigt wird, äußert sich in unterschiedlichsten Versuchen, im traditionellen Verständnis "Künstlerisches" mit Objekten oder Bereichen zu verschmelzen, die üblicherweise der Domäne des Nicht-Künstlerischen zugerechnet werden und die ihre Signatur als Nicht-Kunst durch diese Hybridisierung nicht verlieren sollen.

Beispielhaft deutlich wird diese Tendenz an den Konzeptionen der beiden letzten documenta-Ausstellungen. Kunst scheint sich hier dem politischen oder soziologischen Diskurs zu nähern, ja mehr noch, sie übernimmt, wie die wandernden "Plattformen" der documenta 11 zeigen, die Aufgabe, diese Diskurse global zu moderieren. Die Berufung auf die Pop- und Konzeptkunst-Avantgarde der sechziger Jahre, die Verwendung neuer Medien sowie ein entgrenzter Begriff der sozialen und politischen Dimension der Kunst charakterisieren eine neuartige künstlerische Produktion, deren Status, an traditionalistischen Positionen gemessen, prekär scheint, die jedoch möglicherweise insofern "zeitgemäß" wird, als ihr wesentliches Merkmal die globale Verständlichkeit ist.

Nicht dass diese Entwicklung in toto negativ zu bewerten wäre; worum es mir geht, ist ihr blinder Fleck: In dieser Modellierung der Kunst lebt das alte Misstrauen gegenüber einer Kunst wieder auf, deren Erfahrung nicht in Kognition, d.h. in Wissen oder "Inhalt", übersetzbar ist. Kunstgenuss gilt ihr als regressive Form des Konsums. Sinnlichkeit und Theorie werden einander entgegengesetzt, erstere mit letzterer ausgetrieben. Dem neusachlichen - dem Realismus und Engagement der Kunst verpflichteten - Vorbehalt unterliegen alle produktiven und rezeptiven Formen künstlerischer Produktivität, die nicht im Feuerofen theoretischen Bewusstseins gehärtet worden sind.

Die Negation dessen, was an der Kunst Lust, Geschmack, Affekt und Genuss ist, führt dazu, dass diese Dimensionen künstlerischer Erfahrung die Existenz eines "verdrängten Anderen" annehmen. Es firmiert heute unter dem vagen Namen "Malerei", die, wie konnte es anders sein, erneut aus Kassel verbannt wurde. Als "Verdrängtes" ist diese "Malerei" eher Gespenstern als der Wirklichkeit zuzuordnen, so dass sie allenorten und gleichsam epiphanisch auftauchen kann, selbst da, wo keinerlei materielle Ähnlichkeit mit dem besteht, was traditionellerweise unter Malerei verstanden wurde, z. B. in Fotografien oder Installationen, die jetzt eine "Malerei nach der Malerei" produzieren können sollen.

Das Stumpfe an der Entgegensetzung von reflektierter, realistischer und verantwortungsvoller Kunst auf der einen und genießender, sinnlicher Kunst auf der anderen Seite ist allerdings, dass beides auf die jeweils gemeinten Kunstwerke nicht zutrifft. Auch die konzeptuelle Kunst produziert einen sinnlich organisierten Sinn, in dem das Ästhetische kein bloßes Design eines Inhalts ist, und erst dieser sinnlich organisierte Sinn wird darüber entscheiden, ob die Arbeit "funktioniert" oder nicht; und die heutige Malerei, gerade wenn sie ihre alten Effekte in neuen Medien zu produzieren weiß, ist in einer Weise reflektiert, wie es für viele konzeptuelle Kunstwerke nicht gesagt werden kann.

Für die Zukunft der Kunst wünsche ich mir daher die Überwindung dieser platten Entgegensetzung, ein zugleich intelligenteres und sinnlicheres Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, Reflexion und ästhetischer Lust. Dieser Wunsch richtet sich gleichermaßen an die künstlerische Praxis wie an die theoretische Reflexion, die allerdings heute weniger zu trennen sind denn je. Von beiden wünsche ich mir, dass sie das verdrängte "Es" des sinnlichen Sinns zum "Ich" der Kunst werden lassen. Dieser Wunsch integriert Pessimismus und Optimismus. Da es sich bei der gegenwärtigen Auseinandersetzung lediglich um die Neumodellierung des seit Platon vorgebrachten Vorwurfs an die Kunst handelt, diese könne erst nützlich werden, wenn sie der "Sinnestäuschung" entsage und "Inhalte" transportiere, bin ich pessimistisch, ob mein Wunsch je in Erfüllung gehen kann. Optimistisch hingegen bin ich, weil es der Kunst "hinterrücks" noch immer gelang, sich gegen ihre theoretische Bändigung durchzusetzen.

Michael Lüthy
Berlin