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Angenommen es gibt eine zunehmende Amnesie der Lebens- und Reflexions-Formen,
die die Zivilisation produziert hat oder ein williges Einwilligen
in deren politisch und ökonomisch willkommene Kommerzialisierung.
Angenommen, die Kunst ist eine dieser Formen, die in ihrem Bereich Modelle und Bilder der Reflexion, auch des Genusses und genussvollen Diskurses über, zu und mit der Kultur zur Vefügung stellt. Angenommen dies geschieht auch immer wieder als Reflexion der eigenen Mittel und der kritischen Distanz gegenüber den eigenen Institutionen, und auch dies wiederum könnte eine Funktion gesamtgesellschaftlicher Reflexion sein.
Angenommen bestimmte ihrer "Stile", wie der Avantgardismus
oder das subjektivierte Genie sind historisch, und es sind Funktionsweisen
der Kunst für die Gesellschaft ausschlaggebend, die auf dem Bildermachen
und der Arbeit an Begriffen und der Bedeutung von Bedeutungen beruhen.
Angenommen, man würde vergessen, dass man dazu das Labor, die Forschung, die Zeit und eine Wertvorstellung dieser Elemente benötigt (überschätzte Grossausstellungen, der gleichzeitige Anspruch an Eventkultur und Aussagekraft und Bedeutung).
Angenommen, die Verwechslung des Ganzen der Kunst und ihrer Institutionen als von der Gesellschaft eingesetztes Reflexionsfeld im weit gefassten Feld von Bildern, Metaphern, Symbolen mit dem Teilaspekt der Kunst als Ware nicht so sehr als Objekt langfristiger Wertsteigerung, eher als "spassiges" und auf andere Weise Elite-schaffendes Konsumgut zur Ausdifferenzierung von Geld haben und Geld haben (für das Neue, Attraktivität und Renommé kann ich eben kurz mal 5 Millionen freimachen, wer noch?) angenommen, diese Fragmentierung würde für Kunst normal. Angenommen andere Teilaspekte der Kunst würden ebenfalls normalisiert, die historische Idee des Avantgardistischen könnte dann als Erkennungszeichen der Ware fröhlich weitervermarktet, Formen und Stile durch andere Formen und Stile ersetzt, die Neuheit, Attraktivität, aber auch die Antiformen könnten im immer neue Güter schaffenden Markt spezialisiert und perfektioniert werden.
Angenommen, auch die anderen am Kunstsystem beteiligten Institutionen und Personen würden sich mit der Fragmentierung ihrer Handlungen dieser Normalisierung einreihen: Museen könnten sich auf ihre Funktion als Lager der historischen Formulierungen von Kunst und ihrer Produkte beschränken, da sie weder auf der Ebene des Labors noch auf der Ebene der Teilhabe an und der Arbeit mit der Bedeutungsformulierung qua ihrer eigenen Historisierung Bedeutung entwickeln müssten. Galerien als Beweisrahmen und Strategiemaschinen könnten den Auktionshäusern monetäre, den Tauschwert definierende Transitorien zur Verfügung stellen. Privatsammmlungen könnten den Part des massen-kulturellen "Gedächtnisses" übernehmen, abgesichert, motiviert und legitimiert durch die Medienpräsenz von Werken, Künstlerinnen und Künstlern wertvoll ist, was am meisten abgebildet und so "Bild" geworden ist. Kunsthallen und Kunstvereine wären in ihrer Funktion als Handlungsorte medialer Präsenz ausgelastet und könnten gemeinsam mit den Medien, die darüber berichten, den Beweisrahmen für diese liefern und den Auktionshäusern als Präsentations- und Ereignisorte angegliedert sein.
Angenommen, diese Verwechslung ist temporär, aber verschiebt dennoch massgeblich die Wahrnehmung und Beurteilung dieses Bereiches unserer Realität.
Angenommen die jederzeit verfügbargemachten, "Welt" repräsentierenden Bilder würden mit Weltbildern verwechselt und der allgegenwärtige Zugriff auf Wissen mit Erfahrung.
Angenommen die Beziehungen von Masse und Individuum, Intimität und Öffentlichkeit, Identität und Identifizierung von Identität würden zur Realität, wie sie in Kathryn Bigelows Film "Strange Days" zum Thriller verarbeitet wurde: Ein teuerster Schwarzmarkt medial multiplizierbarer, austauschbarer und von professionellen Dealern vermarkteter Erfahrungen, die das vom Erfahrungsproduzenten beratene Individuum aus der nicht mehr identifizierbaren Masse der Individuen drogenrauschartig heraushebt. Die richtigen Dealer für die richtigen, die Individualität identifizierenden existentiellen Erfahrungen (im Film selbstverständlich amerikanisch grosse Kick-Dimensionen: Sex und Tod real).
Angenommen, es gäbe im Sinne Michel Serres' keine manipulierenden,
kontrollierenden, auch und vor allem kommerziell interessierten "Vermittler"
in einem Netz nicht hierarchischer Informationen.
Angenommen Wahl und Auswahl wären Kompetenzen der Autonomie.
Angenommen Teilhabe an und Identifizierung von Realität wären global, post-kategorial, post-gender und post-national, die Vielfalt wechselnder Handlungen, wechselnder Identifizierungen des handelnden Subjektes, aber durch Performanz der Performanz ersetzt.
Angenommen parallele Aktivitäten und Präsenzen, Wiederholung und Differenz zur Revision von Qualität und Identität historischer, öknomischer, kultureller Phänomene (wie bei Liam Gillick etwa) würden Debatten anbieten, die Gegenwart befragen, statt die Kunst mit Zukunftsorakeln zu verwechseln. Angenommen "globale" Kunst wäre eine Frage an das, was Kunst in ihrer Kultur als Qualität diskutieren kann und angenommen kultureller Transfer wäre interessant (wie bei Rirkrit Tiravanija vielleicht).
Angenommen, es gäbe, neben und zusätzlich zu Verwechslungen und Fragmentierungen, gesellschaftliche, ökonomische, politische, humanitäre Phänomene, über die Kunst, unabhängig von ihren Stilen, Formen, Medien und Aktionsfeldern, Bilder machen würde. Und angenommen, man findet das interessant.
Beatrix Ruf
Zurich
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